Aza Lukina

Ich, Aza Lukina, wurde 1974 in Kursk geboren und absolvierte ein Studium der Sonderpädagogik an der Staatlichen Kursker Universität. Im Kursker Gebiet war ich der erste weibliche Diskjockey im „Radio Kursk“. Zur Zeit arbeite ich als stellvertretende Direktorin an einer mittleren allgemeinbildenden Schule. Bis heute glaube ich an Märchen und an „Väterchen Frost“.

„Alles wird gut!“

Montag, 21.7.2008

Mein Urlaub geht weiter und ich fühle mich noch immer nicht frei. Ich verstehe ja, dass man die Vergangenheit loslassen und nach vorne sehen muss, aber die Last der vergangenen Tage lässt nicht zu, unbeschwert in die Zukunft zu schauen. Ich muss von meiner Tochter lernen – sie nimmt vom Leben nur das Beste – das helle, ausgelassene, lustige, schönste Mädchen der Welt! Ellina kann den ganzen Tag ohne Unterbrechung lachen. Ich kann das nicht mehr. – Häufig denke ich über die Frage nach: „Wie sollte eine Frau in der modernen Welt sein?“ und oft finde ich keine Antwort. Mutter und Vater erzogen mich „im Sinne des Patriotismus“: immer nach dem gesetzten Ziel streben, gegen Schwierigkeiten kämpfen. Und, was wichtig sei, sollte ich selbst erreichen. Im Endeffekt bin ich mit dem Gedanken groß geworden: Wenn ich das nicht tue, wer sonst? Ich sehe die moderne Welt mit müde gewordenen Augen: Ich will so sehr männliche Unterstützung, die alle Probleme lösen könnte, die einen sorglos leben ließe, die von den Zweifeln und der Trauer befreien würde. Ja, ich strebe danach, Karriere zu machen, ich strebe nach etwas Luxus, aber deswegen fehlt mir die Zeit für die Erziehung meiner einzigen Tochter. Die Zeit, die ich auf der Arbeit verbringe, nimmt einen Teil des Lebens ein, aber ohne diesen geht es auch nicht! Es ist heutzutage sehr wichtig, irgendeine Position zu haben, je höher, desto angesehener und solider erscheint man. Seltsamerweise werden heute die persönlichen Qualitäten schon nicht mehr geschätzt. Wenn du nicht irgendwo DORT arbeitest, dann bist du ein Pechvogel … Und wo bleibt die Liebe? Heirat sagt nicht, dass es sie, die Liebe, gibt. Die Heirat gibt einer Frau wieder einen Status. Aber das Leben regelt alles auf seine eigene Art und Weise … Endlich kam mein Bruder Pascha. Er hatte eine Kamera auf Kredit gekauft (ich hätte eine günstigere genommen!). Außer dem Computer hat er also für sich noch ein Spielzeug gefunden. Er hat Recht! Ich suche mir keine Spielzeuge, sondern leide und quäle mich mit schweren Gedanken. Ich habe verlernt, mich zu freuen, dem neuen Tag zuzulächeln. Meine Freundinnen fragen: „Was fehlt dir?! Der Mann, der Tag und Nacht arbeitet, die schöne Tochter, die Mutter, die Geschwister und letztendlich die Arbeit, auf die du so lange gewartet hast!“ Alles ist richtig, und ich soll mich nicht weiter zerreißen? Aber etwas stimmt nicht, deshalb bin ich eben traurig. – Am Abend radelte ich mit meiner Freundin. Ein ausgezeichnetes Training! – Ich will weiterleben … 

Dienstag, 22.7.2008

Draußen laufen Bauarbeiten auf Hochtouren. Der Lärm verhindert das Ausschlafen. Ständig wird gehämmert. Der Nachbar von oben bohrt schon 20 Jahre lang in den Wänden, wahrscheinlich sucht er den Schatz der Vorfahren! Möge Gott ihnen allen viel Gesundheit geben! – Ich war mit meiner Tochter und der Freundin Julia den ganzen Tag am Fluss. Nur dort spüre ich den echten Sommer! Wir durchschwammen den Fluss Sejm kreuz und quer. Ich lebe noch. – Mein Bruder beschäftigte sich ernsthaft mit Fotografieren. Ich posierte eine ganze Stunde lang mit Ellina und meiner Mutter vor dem Objektiv des neuen Fotoapparats. Es war aufregend! – Meine Freundin ist derzeit dabei, einen Autokredit aufzunehmen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie beneide. Der Patenonkel hatin neues Motorrad, eine Freundin ein neues Auto. Und ich? Ich lache – ich will  einen Jeep. Ich will … Was will ich überhaupt? Arbeit – Schinderei, zu Hause – zähes Alltagsleben, Urlaub – bin ich im Urlaub? Meine Tochter – darüber wird nicht gesprochen. Mein Mann …? Ich will nicht, dass er mit einem Knochenjob Geld in anderen Städten verdient! Ich träume, jeden Tag an seiner Seite zu leben, mit ihm schlafen zu gehen! Ich will ihn jeden Tag umarmen und küssen können. Wir sind jung und ich will mein ganzes Leben mit dem geliebten Mann und meiner Tochter zusammen sein. Ich habe noch einen Wunsch, bin aber bereit, ihn zu opfern. Ich sage eins: Mir fehlt es an Freiheit …

Mittwoch, 23.7.2008

Ich verbrachte den ganzen Tag wieder am Fluss. Was kann man sonst im Urlaub machen? Es gibt viele Möglichkeiten, aber ich will nichts – ich will einfach gedankenlos am Strand liegen. Ich bin müde … – Am Abend kam meine Nichte Galja. Sie hat mich mit Mühe und Not überredet und mitgenommen. Wir waren zu Besuch beim Patenonkel, tranken Saft, sprachen über Männer und über unsere Kinder. Dein Anruf hat mich beunruhigt. Ich verstehe, dass du müde bist, aber man muss nach vorne gehen! Und das sage ich?! Ich bin selbst im Sumpf der finsteren Gedanken und in der unnötigen Hektik steckengeblieben. Ich werde dich aus der Routine herausziehen und selber herauskommen, wenn du nur in der Nähe wärst! Ich vermisse dich, ich warte auf dich. Ich weiß – du wirst bald kommen. Ich liebe dich. Ich kann nicht begreifen, warum mir mein Herz die ganze Zeit schmerzt! Es scheint, als ob ich etwas verliere. Ich will, dass du bei mir bist. Ich beeile mich und ich weiß nicht, wofür. Im Kopf kreisen Gedanken über die Arbeit, aber nur über die anderer. Ich weiß, dass meine Zeit vorbei ist, aber vielleicht ist es noch möglich, mein Leben zu hundert Prozent selbst zu gestalten. Du wirst sagen, dass dies Quatsch ist, aber vielleicht bin ich einfach steckengeblieben und bei uns kann alles ganz anders sein … Jemand könnte sagen, dass ich nicht schätze, was ich habe. – Die unendlichen Dienstreisen meines Mannes bringen mich um: Einen Monat lebe ich, einen Monat verharre ich in Erwartung. Warum kann man nicht anders zusammen glücklich sein? Bei der Arbeit ist es unmöglich, die Schönheit der Umgebung zu sehen. Der Rückweg nach Hause wird zu einem erholsamen, verträumten Spaziergang. Mich verwundert die Fähigkeit der Menschen, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Manchmal will ich sagen: „Bleibt stehen! Das Leben geht an euch vorbei!“

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