In Reitenhof (jetzt Rapotin, Tschechien) musste der Flüchtlingstreck am 22. März 1945 halten, da ich unbedingt das Licht der Welt erblicken wollte. Die Zeiten waren hart, der Vater im Krieg geblieben, zwei Geschwister und Großmutter verschollen usw. Aber meine tapfere Mutter suchte, kämpfte, und so landeten wir letztendlich alle in Wolfen, denn dort gab es Arbeit. So verbrachte ich also Kindheit, Jugend, Erwachsensein und jetzt mein Rentendasein in dieser Stadt, lernte in der Apotheke, war 26 Jahre Berufskraftfahrerin und arbeitete nach der Wende31 selbst und ständig in meiner Modeboutique. Seit 1991 engagierte ich mich auch gesellschaftlich und politisch, war Mitgründerin des Wolfener Stadtvereins und wurde 1999 in den Stadtrat von Wolfen gewählt. Seit 2007 arbeite ich im neu gewählten Rat der gemeinsamen Stadt „Bitterfeld-Wolfen“. Ich bin seit 29 Jahren verheiratet und habe einen Sohn. Karin Wetzig starb am 21. November 2008 bei einem tragischen Autounfall – knapp sieben Wochen nach ihrem letzten Tagebucheintrag.
Montag, 29.9.2008
Noch zwei Tage und das Jahr ist schon wieder beim zehnten seiner zwölf Monate angekommen. Es ist 6 Uhr, ich liege noch im Bett und überlege, was ich so alles in diesen Tag packe. Bis 6.30 Uhr möchte ich damit fertig sein, denn dann werden die Straßenbaumaschinen in Gang gesetzt, welche schon seit Monaten ihr „Unwesen“ vor meiner Haustür treiben. Der geplante Hausverkauf muss also noch warten. Aber ich hoffe, dass alles gut wird, weil ich mich auf mein künftiges Domizil sehr freue. Worauf ich mich ebenfalls freue, ist das gemeinsame Mittagessen mit meinem Sohn und die heutige Fraktionssitzung. Wir sind zehn Mitglieder, bestehend aus vier Gruppierungen und der FDP (Freie Demokratische Partei). Ich fühle mich unter den neun Männern gut aufgehoben und mit Gründung der gemeinsamen Stadt Bitterfeld-Wolfen arbeiten wir miteinander. Wir sind alle recht impulsiv, aber es ist uns dennoch gelungen, verschiedene Meinungen zu diskutieren, zu respektieren und möglichst auf einen Nenner zu bringen. Gegen 21 Uhr ist unsere Sitzung beendet und mir gehen noch auf der Heimfahrt viele Dinge und Entscheidungen durch den Kopf. Erst zu Hause schalte ich einen Gang runter, bei einer Tasse Tee schreibe ich diese Zeilen und nehme möglichst viele positive Gedanken mit in mein Bett. Denn jeder Morgen bietet die Chance eines ganzen Tages.
Dienstag, 30.9.2008
Leider wurden meine positiven Gedanken durch weniger gute Träume zerstört. Aber Träume sind Schäume und nach dem Duschen habe ich viel Negatives weggespült. Ich fühle mich nach einem kräftigen Frühstück super und in diesen Momenten genieße ich das Rentendasein am Morgen ohne Zeitdruck und großartige Sorgen. Aber zum Glück kenne ich keine Langeweile, zu der ohnehin nur die Abwesenheit von Schwierigkeiten führt. Manche Tage haben für mich hundert Taschen und ich versuche daraus zu entnehmen, was mir wichtig erscheint. Zurzeit ist mein Leben recht turbulent und vom Renovieren und Einrichten meiner neuen Wohnung geprägt, aber ich muss da jetzt durch, denn ein Zurück gibt es nicht mehr. Heute Abend treffen wir uns im Deutschen Haus zu einer Sitzung des Stadtringes.32 Zusammen mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung wurde über das bevorstehende „Historische Weihnachtsfest“ gesprochen. Die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gang, denn der organisatorische und finanzielle Aufwand ist immer recht groß. Dieses Fest ist Tradition in unserer Stadt und jedes Mal recht schön, vor allem für unsere Kinder. Und schon aus diesen Beweggründen wollen wir daran festhalten. Gegen 21.30 Uhr fahre ich gemeinsam mit meinem Nachbarn und Fraktionskollegen nach Hause und noch im Auto debattieren wir heftig, aber freundlich, und das ist zum Glück schon 20 Jahre so.
Mittwoch, 1.10.2008
Das letzte Quartal des Jahres hat begonnen und der Oktober läutet den Herbstein. Soll er doch läuten, ich will ganz einfach noch nicht an den Herbst denken, denn auch mein neues Zuhause ist noch längst nicht fertig. Gerade reißt mich das Telefon aus meinen Herbstgedanken. Es ist Renate, eine Freundin aus Coswig. Schon an ihrer Stimme höre ich, dass es ihr nicht gut geht. Seit vielen Monaten kämpft sie gegen Krebs. OP, Chemotherapie usw. hat sie schon überstanden. Im Gespräch fühle ich mich etwas hilflos und wir versuchen beide, nicht über ihre Krankheit zu reden. Ich bewundere Renate sehr dafür, dass sie dennoch ihre kleine Pension „Villa Elbhain“ weiterführt, und drücke ganz fest beide Daumen, dass die Perücke bald überflüssig wird. Renate ist vier Jahre jünger als ich und hat schon einmal, bevor wir uns kennen lernten, dem Krebs den Kampf angesagt. Nach unserem Gespräch muss ich immer an den Spruch denken: „Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Ich werde Renate heute noch einen Brief schreiben, denn ich weiß, dass sie sich über Zeilen von mir immer sehr freut.
Stadt Witten | Marktstr. 16 | Postfach 2280 | 58449 Witten
Telefonzentrale: 02302 581-0 | E-Mail: rathaus@stadt-witten.de