Mit diesen Worten schaffte Werner Wittersheim, beim WDR verantwortlich für die Programmgruppe Musik, in seiner Ansprache anlässlich des Empfangs der Bürgermeisterin im Märkischen Museum Nähe zwischen dem diesjährigen Schwerpunkt der Wittener Tage für neue Kammermusik und der Ruhrstadt. Denn viele der Komponisten, allen voran Friedrich Cerha, um dessen Person und Werk sich das Programm rankte, sowie Vocalisten und Musiker waren aus der Österreichischen Bundeshauptstadt angereist.
Reiseprobleme, verursacht durch Islands Welt aus Feuer und Eis, vereitelten ein Konzert. Doch schönstes Festival-Wetter verwöhnte wieder einmal die Gäste zahlreicher Nationalitäten. Neben den Spielorten Saalbau und Rudolf-Steiner-Aula war mit gleich vier Veranstaltungen das Märkische Museum eingebunden. Hinzu kamen ein Orgelkonzert in der Johanniskirche und ‚Wittener Nächte’ im Unikat-Club, dem im Verborgenen schlummernden Wartesaal des Hauptbahnhofes.
Den internationalen Anspruch der Kammermusiktage vermittelte das Arditti String Quartet, präsentierte gleich im ersten Konzert Kompositionen aus USA, Österreich und Mexico. Roger Reynolds ‚not forgotten’ als Uraufführung maunzte und jaulte, hätte als ‚Charivari for four’ durchgehen können. Ein Solo des Primarius Irvine Arditti trug Züge eines Selbstgespräches. Unter Wolfsgeheul und fragenden Phrasen mischte sich eine Passage gleich einer Operettenmelodie in Zeitlupe, verpackt unter der Dunstglocke der Dissonanz – wohl eine der Erinnerungen des Amerikaners. Einem Härtetest für Kolophonium glich das Solo Ashot Sarkissjans an der zweiten Geige. Beinahe feindselig standen sich die Musiker Rede und Antwort, ‚redeten’ auf ihren Instrumenten wild durcheinander. Perkussiv traktierte Lucas Fels sein Cellos, und die hohen Streicher führten eine neue Streichtechnik vor, ergriffen die Bögen mit beiden Händen, zogen die Bogenhaare so die Saiten entlang. Sonor, dramatisch kreischend, dann wieder leise schabend verhallte das Stück.
22 Jahre nach ihrem Entstehen hatte Cerhas ‚Netwerk-Fantasie’ ihre deutsche Erstaufführung mit Marino Formenti am Grand Piano. Eine klimpernde Phrase verhallte, bevor die nächste herein plätscherte. Erste Akkorde schlichen sich ein. Bei vehementem Laufgetrappel trat der Pianist nicht nur die Pedale, sondern auch das Parkett, ließ die Klavierbank unter sich rucken. Accelerando und Crescendo gingen Hand in Hand, standen wohl für das postulierte organische Wachstum. Die Anfänge im Diskant kehren schließlich im Bass wieder. Minuten nach dem letzten Ton erhob sich Formenti endlich, um den Applaus entgegen zu nehmen.
In seinem ‚Cuarteto de cuerdas No.1’ reihte Javier Torres Maldonado schräge Einfälle, ließ ‚die Ardittis’ über einer gesäuselten Melodie harsche Einwürfe machen, sie zu kakophonem Geplauder übergehen. Takte lang strich der Cellist auf einem einzigen Ton herum. Fliegengesumme entlockte der Primgeiger seinem Instrument. Mit gezupftem ‚Geplapper’, spieltechnisch verfremdeten Zitaten, dem jähen Absturz eines zuvor anschwellenden Tones wurde der Hörer bei dieser auf Mathematik und Proportionsstudien basierenden Arbeit konfrontiert. Schier endlos zogen sich Laute dahin wie die Fahrgeräusche auf einer Autobahn. Flirren. Leise, flüchtige Töne. Stille. Erstaunt schaute Arditti von seinen Noten auf, als ein einzelner Zuhörer klatschte, dann abrupt inne hielt. Erst ein Lächeln des Musikers ließ den Saal in toto applaudieren.
Mit vergleichsweise großer Besetzung kontrastierte das Klangforum Wien auf der Bühne des Theatersaales. Die Uraufführung von B-low Up des jungen Tschechen Ondrej Adamek erschloss sich bereits aus dem Untertitel: ‚Blow up. Now how down. Drown’, denn Schlagwerker Adam Weismann spielte seinen Gong und anderes Klangwerk eingetaucht in einen Waschzuber. Ohrenbetäubendes Pfeifen, Koto-ähnliche Laute der Harfe, ergänzten Schleifgeräusche der Streicher, tonlose Luftströme der Bläser. Mit konventionellem Instrumentarium mühte sich das Ensemble, synthetische Geräusche zu imitieren. Der Mensch als nacheifernder Papagei der Maschinen! Eine verkehrte Welt. Die Klangbilder flossen von einer Instrumentengruppe zur nächsten. Laute schienen der Welt des Zeichentrickfilms entlehnt. Erneut wurde der Mensch zum Nachahmer der Imitationen degradiert. Pneumatische Vorrichtungen, selbst Staubsauger, mischten bei der Geräuscherzeugung mit. Blechbläser genügten sich mit einem Schlag auf das Mundstück, setzten mit dem so erzeugten ‚Blopp’ Akzente.
Sphärisch-atonale Traumwelten eröffneten sich mit Cerhas ‚Bruchstück, geträumt’. Wie in Trance bewegte sich Stefan Asbury am Dirigentenpult. Das ‚hohe Lob der Langsamkeit’ war Intention des Werkes. Harfe und Röhrenglocken trugen dazu bei. Im Stile großer Filmmusik ließen die Streicher stehend ihre Klangentfaltung anschwellen. Vom Flügel tröpfelten einzelne Töne in den Klangstrom herein. Dann wieder lag der Pianist über dem Instrument, zupfte im Innern die Saiten. Wesentlich näher an tradierter Klanerzeugung ist da Weberns ‚Symphonie op.21’ aus dem Jahr 1928, dennoch wie die neuen Werke schon deutlich auf Distanz zu den Erwartungen der Besucher klassischer Konzerte. Bernhard Lang griff für seine ‚Monadologie VII’ auf Arnold Schönberg zurück, formte aus Versatzstücken seine repetierend verwendeten ‚nicht weiter auflösbaren Zellen’. Schön, dass ein Interesse an Orchesterklang ohne Elektronik wächst. Doch das Ergebnis bleibt eintönig, zeichnet eine Welt gebrochener, psychopathischer Maschinenmenschen. Verunsicherung, Hektik und Dekonstruktion anstelle von seelischem Halt und Harmonie sprechen daraus. In enervierendem Hupkonzert begab man sich auf die Suche nach anarchischem Rhythmus, ungerichtet und aufdringlich aufbegehrend. Musiker wurden instrumentalisiert für eine destruktive Geräuschproduktion, doch das Fachpublikum begeistert sich. ‚Neue Musik’ ist eben heute ‚eine Angelegenheit von Spezialisten für Spezialisten’.
Große Hochachtung darf man der Geigerin Carolin Widmann entgegenbringen, die über eine gefühlte dreiviertel Stunde in ununterbrochener Folge die ‚Études IV-VI’ ihres Bruders Jörg vortrug. Es war ein Ereignis, als sie sich – zunächst von fern zu hören – dem im Dämmerlicht harrenden Publikum im Museum näherte, sich dann an endlosen Reihen von Notenpulten entlang spielte. Hochvirtuos, kraftvoll und ausdrucksstark gestaltete sie die Notentexte. Aufrichtig als Etüden bezeichnet, waren die Werke dennoch geprägt von abbrechenden Phrasen, unstetem Fortgang. Obschon: Nummer V erinnerte in einzelnen Phrasen an Antonio Vivaldis barockes Schaffen, wogegen eine vorherige Nähe zu Bach oder spätere zu Paganini sich eher kryptisch gestaltete. Nummer VI allerdings, als Wiegenlied Carolins Töchterchen gewidmet, ließ tatsächlich ein Thema, Melodie gar, auftauchen: ‚Scarborough Fair’. Zum Geigenspiel gesellten sich vocale Töne, Pfeifen und wortlose Gesänge der Musikerin. Lag es daran, dass der Komponist, wie Festival-Intendant Harry Vogt sagte, unter Zeitdruck arbeiten mußte, erst am letzte Tag fertig wurde? Kann es sein, dass überlange Bearbeitungszeiten – oftmals ein ganzes Jahr für fünf Minuten Aufführungsdauer – dazu führen, dass jedes künstlerische Empfinden, jedes Bauchgefühl, mit theoretischem Formalismus, pedantischer Hörsamkeitsfeindlichkeit, ausgemerzt wird? Dann bitte mögen die Herrschaften Komponisten zu schnellerer Arbeit gedrängt werden!
Als sehr speziell erwiesen sich die Beiträge aus der Wiener Club-Szene, die im Unikat-Club die Wände des Hauptbahnhofes erzittern ließen. Auch wenn Patrick Hahn, für diesen neuen Bereich des Festivals verantwortlich, mit Dieter Kovacic, Martin Brandlmaye und Franz Pomassl eine ‚5. Wiener Schule’ nach Beat Furrer und seiner Generation (4.) und Friedrich Cerha (3. Wiener Schule), so erwiesen sich die Darbietungen von Live-Elektronik, Plattenteller und Laptop pur lediglich als eine Überspitzung der zerstörungswütigen Tendenzen dieser Witten zugemessenen Auswahl an Kompositionen und Kompositeuren.
In der Aula der Rudolf-Steiner-Schule präsentierte sich mit Gags wie Tafelinschriften, zunächst um Ruhe bittende, dann zum Geräuschkonglomerat des Ensemble Recherche ersetzt durch Hieroglyphen, so unverständlich wie die Tonkreation selbst, Malin Bång dem Wittener Publikum. Krampfhaft bemühte sich der Flötist, keinen Ton zu machen, schlug der Pianist auf die Tasten des präparierten Flügels während die Streicher mit ihren Bögen wedelnd die Saiten abfegten. Zu perkussiven Lauten quälte der Oboist sein instrumentloses Mundstück – ein Kindergarten der Geräuschproduktion. Ist dies das Spiegelbild einer dekadent gewordenen Gesellschaft, der alle Werte und Ideale abhanden gekommen sind? Oder ist es ein anarchisches Tollhaus am Tropf der Subvention?
Einen Gemischtwarenladen der Isophone ließ Georg Friedrich Haas dem Kammerensemble zur Seite treten, den Schlagwerker – bewaffnet mit Schlegeln und Geigenbogen, auf Rohren und Benzinkanistern, Töpfen und Gongs, pendelnden Blechbehältern sein Werk zelebrieren. Etwas Sado-Masochismus ist schon dabei. Ein gestandener Musiker und Komponist äußerte gar das Wort ‚Folter’, floh den Saal schon zur Pause.
Der Kleinkunst widmete sich Friedrich Cerha beim abendlichen Konzert im Museum. Mit grotesker Mimik trug Chansonnier Martin Winkler, begleitet von Klavier, Kontrabass und Schlagwerk, wortspielerische Texte von Ernst Jandl, Gerhard Rühm und anderen Autoren vor. Sieht man von wenigen Stückchen ab, die sich Stereotype wienerischer Volksmusik zu eigen machten, hätten Jandls Verse ebenso ohne die klangliche Untermalung ihre Wirkung gehabt - selbst bei diesem eingefleischten Fachpublikum! Die Reaktionen bestätigten es. Das Arbeitsfeld des Geräuschspezialisten beim Film verlagerte sich auf die Bühne, als das Klangforum Wien unter Leitung von Beat Furrer Salvatore Sciarrinos ‚Fanofania’ zur Uraufführung brachte. In einer armen Sprache, die Seele nicht berührend, benötigt das Werk szenische Bilder, wortreiche Erläuterungen. Für sich allein ist es ein Torso, „dringt“, wie der Komponist selbst sagt, „nicht in das Leben ein“. Sein Kollege Enno Poppe „mag die Begriffe Harmonik und Tonsystem nicht“. So erfand er denn mit ‚Speicher I’, einem Konstrukt, in dem kurze Jazz-Linien schnellstens zum Zerfall gebracht werden, instrumentales Geplauder sich zu einem mittleren Volksaufstand verdichtete, wohl einmal mehr des Kaisers neue Kleider – und steht damit nicht allein.
Erwartungsvoll sah man dem Ereignis entgegen: Furrer dirigiert Furrer! Ganz konventionell stimmten die Musiker ihre Instrumente durch – ein unerhörter Moment! Doch ein indifferenter Aufschrei derselben führte rasch zum gewohnten Gleichmaß dieser die Innovation zum Selbstzweck erhebenden Szene zurück. Hauchend, hektisch stammelnd fiel das Vokalensemble Nova in diese ‚Xenos-Szenen’ ein, bei jeder Gelegenheit die Stimmgabel am Ohr. Wütend abgehacktes Geschimpfe, ein Herumsingen der Solo-Sopranistin auf ein und dem selben Ton begleiteten die Instrumente, herunter plätschernde, atonale Skalen ständig repetierend. Bravo-Rufe ist es dem Fachpublikum wert. Vier mal wurde Beat Furrer wieder heraus geklatscht. Doch war es mehr als ein Sehnsüchtiger Rückblick der postindustriellen Gesellschaft?
Parallel zum Beginn der Wittener Tage eröffneten Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff und WDR-Intendantin Monika Piel die Kölner MusikTriennale. Ihre Ansprachen wurden im Radio übertragen, auf WDR 3! Der Bürger, so hörte man, stände als Nachfolger der Fürsten in der Pflicht, das Musikschaffen zu fördern, in Zeiten der Krise mehr als zuvor. Besonders die Neue Musik müsse unterstützt werden. Das Unbekannte, Neue entstehen zu lassen, hätten die fürstlichen Mäzene auch ermöglicht.
Nun, die Fürsten haben gefördert, aber sie hatten auch ihre Anforderungen. Mit hörsamer Musik wollten sie glänzen, ihre hochwohlgeborenen Vettern übertrumpfen, ihre Untertanen unterhalten. Wer dem nicht entsprach oder Anderes wollte, bekam - wie es noch ein Mozart physisch erfahren musste - einen Tritt in den Hintern. Es ist ein Irrglaube, der Souverän, heute die Bürger, müsse jede auch noch so dauerhaft perspektivlose Entwicklung finanzieren. Kunst ist zu allen Zeiten im Dialog zwischen Künstler und Rezipient entstanden. Wer sich diesem Erfolgsstreben entzog, das Publikum negierte, durfte sich zum Teufel scheren. Heute sitzen die Koryphäen der ‚Neuen Musik’ recht komfortabel in den Hochschulen und bei öffentlich finanzierten Festivals, frönen ihren Experimenten und scheren sich nun selbst den Teufel um die Entwicklung neuer Musik fürs Publikum.
Selbstverständlich ist neues Kulturschaffen zu fördern - mit Schwimmflügeln, bis es allein schwimmen kann. Bei autistischen Mutwilligkeiten ohne Hand und Fuß hilft aber auch der Rettungsring nicht. Von jungen Komponisten kann man erfahren, dass in mancher Hochschulen doktrinär der kompromisslose Bruch mit allen Traditionen gelehrt wird, junge Künstler gar nicht erst die Chance erhalten, sich in eine andere Richtung zu entwickeln. Ein neuer Konservatismus hat die Bandbreite dessen, was als zeitgenössische, ernste Musik entstehen darf, stark eingeschränkt. Seit Jahren sind es die immer gleichen Namen, hier und da mit Neuzugängen verbrämt, die in Witten zum Festival zugelassen werden. Reißerische Details, spektakuläre Aktionen können jedoch nicht über Uniformität und fehlende Akzeptanz in der Öffentlichkeit hinwegtäuschen.
Nachhaltigkeit ist von diesem Festival einzufordern, die Förderung von Innovationen der hierzulande so deutlich abgegrenzten ernsten Musik für das Konzertpublikum, nicht zum Zwecke der Selbstbeweihräucherung eines esoterischen Zirkels. Musik ist keine Kunstform, die um ihrer selbst willen existiert. Ganz im Gegensatz zur bildenden Kunst ist sie nicht abwartend, bietet nicht wie ein Bild oder eine Skulptur dem Betrachter die Chance, sich im Zweifelsfalle abzuwenden. Nein, Musik ist eine aktive, aggressive, den Hörer attackierende Kunst. Deswegen muss sie sich mit ihrem Publikum arrangieren.
Musik im klassischen Sinn berührt die Seele der Menschen; die artifizielle Welt aus Geräuschen, Brüchen und nachempfundenem Industrielärm verursacht allenfalls Stress. Was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Verarbeitung von Kriegstraumata begann, kann heute nicht mehr Maßstab für neue Kompositionen sein, dem Publikum zugemutet werden. Nicht umsonst sind es andere Strömungen, die ihren Weg in den Konzertsaal finden, orchestrale Bearbeitungen von Popmusik oder Suiten aus bekannten Filmmusiken etwa. Es mehren sich die Stimmen, Komposition bereits in den Schulen als Unterrichtsfach zu etablieren. Da bleibt zu hoffen, dass auf diesem Wege künftig frische, unverdorbene Geister das Musikschaffen bereichern.
Martin Schreckenschläger
(j.f - 18.04.2010)
Stadt Witten | Marktstr. 16 | Postfach 2280 | 58449 Witten
Telefonzentrale: 02302 581-0 | E-Mail: rathaus@stadt-witten.de