Die Welt nach Witten holen – Ein Nachruf auf Wilfried Brennecke

Wilfried Brennecke 1974

„Das Beste zu suchen, um vielleicht das Gute finden zu helfen“, so lautetet die Maxime von Wilfried Brennecke, dem langjährigen WDR-Redakteur und „Entwicklungshelfer“ der Wittener Tage für neue Kammermusik, der am 13. Juni im Alter von 86 Jahren verstorben ist.

Schon der junge, 1926 in Kiel geborene Brennecke fühlte sich zum Musikvermittler berufen. Noch während seines Studiums setzte er sich als Musikkritiker und Dozent an der Volkshochschule für die Moderne ein. So auch beim Bärenreiter-Verlag in Kassel, wo er ein Jahrzehnt lang die legendäre Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart betreute. 1964 zog es ihn schließlich zum WDR nach Köln, wo er bis 1989 als Redakteur für Kammermusik tätig war. Ein Vierteljahrhundert, in dem er zahllose Studioproduktionen, Sendungen und Konzerte initiierte. Im Fokus standen meist Musiker aus NRW, die er intensiv förderte.

Musikgeschichte aber schrieb Brennecke mit den Wittener Tagen für neue Kammermusik, die er seit 1969 zum überregional beachteten Forum entwickelte. Eine glückliche Fügung hatte das Nordlicht 1969 zum Festivalchef gemacht: Sein Radiobericht über die Kammermusiktage 1968, den Vorläufer der Veranstaltung, hatte die Stadtväter in der Ruhrstadt hellhörig werden lassen, die den WDR-Redakteur kurzerhand zum künstlerischen Leiter kürten.

Ein passionierter Dauerläufer, der nimmermüde sein Pensum absolvierte. Selbst in Witten konnte man ihn - etwa beim Frühstück - auch mal im Trainingsanzug antreffen. Ausdauer, Hartnäckigkeit und Neugier gehörten zum Rüstzeug, um das Festival beharrlich auszubauen. Gegen alle Widerstände, inner- und außerhalb des WDR.

Brenneckes Ziel war nichts Geringeres als die „Welt nach Witten zu holen“. Tatsächlich gingen viele der Werke, die hier uraufgeführt wurden, buchstäblich um die Welt, machten die Kammermusiktage über 21 Jahre hinweg zur Marke im Musikleben.

Fast alle Größen der Zunft - wie Cage, Ligeti oder Henze - gastierten in der Ruhrstadt. Seine Programmarbeit aber assoziiert man in erster Linie wohl mit der Öffnung gen Osten: Das Festival wurde in den 70er Jahren, zur Zeit der Brandtschen Entspannungspolitik, zum Forum für Komponisten aus dem Ostblock – und leistete damit auch einen Beitrag zur Erosion der Systeme. Ähnlich beherzt förderte Brennecke immer wieder Komponisten, die als unangepasst oder widerständig gelten: wie Hans-Joachim Hespos, Rolf Riehm oder Nicolaus A. Huber.

Zu seinen großen Entdeckungen aber zählt zweifelsohne der Ungar György Kurtág, den er im Westen überhaupt erst bekannt machte. Doch Brennecke wusste bei allen Verdiensten und Erfolgen nur zu gut, warum er manchmal tiefstapelte und allzu hochgesteckte Erwartungen lieber dämpfte: „Das Entdecken ‚unsterblicher Meisterwerke’ sollte man getrost der Nachwelt überlassen“.

Quelle: Harry Vogt, WDR.
(10/07/12 – lk)

 

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