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Historiker hält Vortrag zum Novemberpogrom in Witten / Gedenkveranstaltungen erinnern an die Geschehnisse

Die 1885 errichtete Wittener Synagoge mit ausgebrannter Kuppel am Morgen des 10. November 1938, Foto: Haarmann, Repro: J. Fruck, Quelle: Stadtarchiv Witten

1938

Die  Reichspogromnacht jährt sich in diesem Jahr zum 80. Mal. Der Historiker Ralph Klein stellt am 8. November ab 19.30 Uhr im Stadtarchiv (Bergerstraße 25) seine Forschungsergebnisse zum Novemberpogrom 1938 in Witten der Öffentlichkeit vor, und am 9. November (Freitag) erinnern in Witten mehrere öffentliche Veranstaltungen an die damaligen Geschehnisse.

Die Nationalsozialisten entfesselten am 9./10. November 1938 in ganz Deutschland Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung. Anhänger des Unrechtsregimes drangsalierten jüdische Bürger und Bürgerinnen im damaligen Deutschen Reich, zerstörten ihre Wohnungen, Geschäfte und Friedhöfe und setzten über 1.400 Synagogen und Gebetsräume in Brand“, erklärt die Leiterin des Stadtarchivs, Dr. Martina Kliner-Fruck. Etwa 30.000 Menschen wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt, Hunderte wurden ermordet, in den Suizid getrieben oder starben infolge der Haftbedingungen.

Ralph Klein hat untersucht, was an jenen Tagen speziell in Witten geschah. Und wurde hier nach der Befreiung vom Nationalsozialismus auch irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen? Die Ergebnisse seiner mikrogeschichtlich inspirierten Arbeit möchte Klein nun der Öffentlichkeit vorstellen. Der Eintritt ist frei. Veranstalter ist das Stadtarchiv Witten in Kooperation mit dem soziokulturellen Zentrum Trotz Allem.

Trauriges Jubiläum: Wittener Programm zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 

Auch die 1885 erbaute Wittener Synagoge wurde vor 80 Jahren von Nationalsozialisten in Brand gesetzt. Am Morgen des 10. November 1938 waren Kuppel und Inneres des jüdischen Gotteshauses ausgebrannt. Anwesende Feuerwehrleute hatten lediglich darauf geachtet, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übergriff. Stadt Witten, Kulturforum Witten (Stadtarchiv), Deutsch-Israelische Gesellschaft Witten, Freundeskreis der Israelfahrer e.V., Ruhr-Gymnasium Witten und Ev.-luth. Johannis-Kirchengemeinde Witten laden aus diesem Anlass am 9. November zur Teilnahme an Gedenkveranstaltungen ein. Das Programm wurde u. a. mit Mitteln der „Partnerschaft für Demokratie Witten“ aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert.

Folgende Veranstaltungen sind geplant:

Nichtöffentliche Schulveranstaltung am Vormittag: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“ - Zur Geschichte und Gegenwart rechter Gewalt in Deutschland

Für die Jahrgangsstufen 12 (Q2) der drei Wittener Gymnasien findet ein Kammerkonzert des Künstlerensembles „OPUS 45“ mit Lesung im Ruhr-Gymnasium Witten statt. Das Bläserquintett-Ensemble spielt Werke von Paul Hindemith, Pavel Haas und György Ligeti. Es rezitiert der bekannte Schauspieler Roman Knižka. Die Kooperationspartner Stadt Witten und VHS Witten/Wetter/Herdecke ermöglichen diese Schulveranstaltung mit Mitteln der „Partnerschaft für Demokratie Witten“ aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“

15 Uhr: Erinnern für die Zukunft – Enthüllung einer Gedenktafel an der Husemannstraße 17, „Villa Eichengrün“

Die „Villa Eichengrün“ wurde 1922 bis 1924 an der damaligen Schul-/Ecke Blücherstraße (heute Kurt-Schumacher-Straße) von der Familie Eichengrün erbaut. Weil sie Juden waren, enteigneten sie die Nationalsozialisten, vertrieben sie aus Deutschland oder ermordeten sie in einem NS-Konzentrationslager. Die nunmehr vierte Gedenktafel „Erinnern für die Zukunft“ in Witten skizziert die Verfolgungsgeschichte der früheren Hauseigentümer und die nationalsozialistische Vereinnahmung der „Villa Eichengrün“ ab November 1938. Es sprechen Bürgermeisterin Sonja Leidemann und Dr. Ulrich Schröder von der Eigentümergemeinschaft. Veranstalter: Stadt Witten und Stadtarchiv Witten in Kooperation mit der Eigentümergemeinschaft des Hauses

15:30 Uhr: Treffpunkt Bibliothek und Märkisches Museum, Husemannstraße 12

Christine Wolf, Leiterin der Bibliothek Witten, lädt Bürgerinnen und Bürger zu einem Gedankenaustausch bei warmen Getränken und Gebäck ein. Ab 16 Uhr liest Dr. med. Reinhold Busch im Lesecafé der Bibliothek aus seiner aktuell im Hamburger Verlag „tredition“ erschienenen Publikation „Verstreut über alle fünf Kontinente. Das Schicksal der jüdischen Familie Rosenthal aus dem Ruhrgebiet“ vor und signiert Verkaufsexemplare. Moderation: Dr. Martina Kliner-Fruck, Leiterin Stadtarchiv Witten. Veranstalter: Stadtarchiv Witten in Kooperation mit der Bibliothek Witten

18 Uhr: Gedenken mit Kranzniederlegungen am Ort der ehemaligen Synagoge Witten – In der Zeit gilt eine Straßensperrung

Nach einem Grußwort von Bürgermeisterin Sonja Leidemann halten die Schülersprecherin des Ruhr-Gymnasiums Selin Yurtsever und ihr Vertreter Maurice Prior an der Breite Straße/Ecke Synagogenstraße, dem Ort der der ehemaligen Synagoge Witten,eine Gedenkrede. Weiterer Redner ist Nic Boheimer, Sohn von Klaus Böheimer, der 1939 durch einen „Kindertransport“ nach England gerettet werden konnte.

Für die Kranzniederlegung gibt es eine kurzzeitige Sperrung der Synagogenstraße: von 17.45 Uhr bis 18.30 Uhr.

18:45 Uhr:  „Darüber weine ich so und mein Auge fließt von Tränen“ - Fortsetzung der Gedenkveranstaltung im Gemeindezentrum der Johannis-Kirchengemeinde Witten

Der Fotograf und Fotodesigner Jörg Fruck setzte der Synagogen-Gemeinde Witten ein audio-visuelles Denkmal. Seine 21-minütige Schau „Darüber weine ich so, und mein Auge fließt von Tränen“ – betitelt nach einem Vers aus den Klageliedern des Propheten Jeremia (1,16) – läuft ab 18:45 Uhr im Gemeindezentrum der Johannis-Kirchengemeinde Witten, Bonhoefferstraße 10. Bürgerinnen und Bürger sind dazu herzlich eingeladen. Mit Bild-Ton-Collagen erinnert Fruck an die fast vergessene, einst lebendige jüdische Gemeinde. Hebräische Gesänge und Instrumentalmusik kombiniert er mit authentischem Fotomaterial. „Die Erinnerung darf kein Ende haben, auch wenn wir um die Formen des Erinnerns und Gedenkens ringen“, erklärt Jörg Fruck.

Erstmals wurde die Schau am 9. November 1994 anlässlich der Enthüllung des Synagogen-Denkmals gezeigt. Das Fotomaterial projizierte Fruck mittels Überblendtechnik an das Gebäude, das heute den Ort der zerstörten Synagoge einnimmt.

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